Trainingsaufbau im Zughundesport

Teil 2 - die Seilanspannung beim Bike, Dogscooter und Canicross-Gürtel

 

Im Teil 1 ging es um den Trainingsaufbau der Bügelanspannung, die zwar anfangs beim Einspannen etwas zeitintensiver ist, dafür aber den Vorteil hat, dass der Hund nur bedingt Bewegungsfreiheit hat und so die eigentliche Zugarbeit schneller erlernt. Bei der Seilanspannung ist es umgekehrt, das Einhaken/Einspannen ins Geschirr geht sofort.

Entsprechend ist bei der Seilanspannung zunächst einmal sehr wichtig zu beachten, dass der Hund an einer 2.50 Meter flexiblen Seilvorrichtung befestigt wird. Er hat damit einen Radius von 2.50 Meter Bewegungsmöglichkeiten, die der Hund nur (!) nach vorn nutzen soll. In dieser  räumlichen  Bewegungsfreiheit liegt oft anfänglich die Schwierigkeit, da sie vom Hund gern auch für andere Aktivitäten genutzt wird, z.B. um zum Halter zurückzukommen, am Straßenrand zu schnüffeln, zu markieren, von links nach rechts zu tänzeln und ähnliches. Auch neu für den Hund ist, und hier muss der Hund vollkommen umlernen, dass er, anders als bisher, ziehen darf, denn an der Leine ziehen war bisher i.d.R. nicht erwünscht. Auch dass sich der Hund scheinbar vom Halter wegbewegt, dieser sich aber nicht entfernt, sondern nach wie vor hinter ihm ist, muss ein Hund vollkommen neu erfahren und verinnerlichen. Das betrifft besonders Hunde, die sich nur schwer vom Hundehalter trennen können. Hier hat der Hund eine (zu) starke Bindung zu seinen Besitzer, i.d.R. sind dies Hunde, die unsicher sind oder/und ein schwaches Nervenkostüm haben. Auch eine genetisch fixierte Veranlagung zum Hüteverhalten kann sich anfangs als Herausforderung darstellen.

Vorweg sei noch gesagt, dass, anders als bei der Bügelanspannung, die sich in ihrem Ablauf immer recht ähnelt, bei der Seilanspannung unendlich viele Möglichkeiten ergeben können, wie ein Training gestaltet werden kann. Einige Trainingsansätze und wichtige Tipps möchte ich hier vorstellen. Bei einer Eins-zu-eins-Umsetzung meiner Tipps können sich  jedoch Schwierigkeiten ergeben. Unter Umständen benötigst du eine Hilfsperson oder einen Hundetrainer, der im Umgang mit Hunden sehr erfahren ist. Im letzten Absatz habe ich weitere Schwierigkeiten aufgeführt.

Nun gibt es verschiedene Hundecharakteren, die mehr oder weniger bei ihren  ersten Zugübungen mit den obigen Aufzählungen Probleme haben.

Am leichtesten haben es die Hundebesitzer mit den Naturtalenten, die ich auch gerne Selbstläufer nenne. Sie werden am Zugseil angehängt und man läuft am Halsband führend ein paar Schritte mit. Man löst den Haken vom Halsband und der Hund läuft einfach weiter. Diese Hunde laufen auch sofort mit einer ordentlichen Geschwindigkeit und müssen bereits beim 1. Zugversuch mittels  starken Bremsen zum Stillstand gebracht werden. Das Lachen der Hunde und Strahlen der Hundehalter in diesen Augenblicken…unbezahlbar 🙂

Bei diesen Hunden ist der Start oft eine Besonderheit. Hier ist auf eine extrem ruhige Vorgehensweise zu achten. Bellt der Hund am Start, wird nicht (!) gestartet. Das beachten der Sicherheitsmaßnahmen sind hier das A und O, wie dauerhaft das Gespann mit Bremsbetätigung sichern und eine Gewichtsverlagerung auf das Gefährt (Trittbrett).  Der Start selbst kann hier nicht erläutert werden; ich möchte dies nur nicht unerwähnt lassen.

Der Hund hat sofort verstanden worum es geht, ein weiteres Training gestaltet sich recht einfach.  Hund vor das Gefährt setzten oder stellen, auf das Gefährt steigen und „GO“.

Für jeden Trainingsaufbau sollten folgende Bedingungen geschaffen werden:

  • kühle Temperaturen, möglichst unter 15°C
  • der Trail bzw. die Übungsstrecke sollte eben (kein bergauf oder bergab) und ohne Hindernisse sein
  • keine Ablenkungen durch andere Tiere oder Personen
  • der Hund sollte einen leeren Magen haben
  • vor den Übungen den Hund nicht toben lassen
  • der Hund sollte sich gelöst haben

Ein ganz anderer Hundetyp, ist jener, der in den ersten Zugübungen eher zurückhaltend ist.  Sie scheinen nicht ganz zu verstehen, worum es eigentlich geht. Diese Hunde bilden den größten Anteil in meinen Workshops. Sie lassen sich am Gespann und am Halsband geführt gut in Bewegung halten. Lässt man sie allerdings freilaufend das Gespann ziehen, verlieren sie schnell die Orientierung. Diese Hunde kann man gut unterstützen, indem man ihnen ein Ziel vorgibt, auf das sie zulaufen können. Wichtig: Das Ziel muss beim Hund eine hohe Motivation auslösen!

Das Ziel kann eine Person, ein Ort (das Zuhause), das Lieblingsspielzeug oder eine Portion Futter sein.

Anfangs wählt man eine kurze Zugstrecke, die der Hund schnell überwinden kann. Hier geht es um einen schnellen Erfolg, um nichts anderes!! Eine kurze Strecke kann 10, 20 oder 50 Meter sein, je nachdem welche Entfernung dein Hund ohne Probleme überwinden kann. Nach jeder Zugübung wird der Hund vom Gespann entkoppelt und sofort ausgiebig gelobt. Also eine riesen „Freuden-Party“ für den Hund, weil er seine Aufgabe so toll bewältigt hat.

In der Regel wird diese kurze Übungsstrecke nur 1 Mal wiederholt, also insgesamt 2 Mal gefahren. Hund entkoppeln und die „Party“ nicht vergessen 🙂 . Danach wird die Streckenlänge sukzessiv (in kleinen Schritten) erweitert und das Ziel allmählich aus der Sicht des Hundes genommen. Kreativität ist hier gefragt. Wichtig: Das Ziel dient nur am Anfang zur Unterstützung. Es darf sich nicht als dauerhafte Motivation zum Vorlaufen entwickeln. Das Laufen bzw. die Zugarbeit selbst bildet den Motivator im Zughundesport, laufen ist für deinen Hund selbstbelohnend.

Hier liegen die größte Fehler, den Einsteiger im Zughundesport machen; sie unterstützen den Hund zu viel durch pedalen bzw. antreten und wählen eine zu lange Übungsstrecke.

  • Extrem wichtig ist hier, dass du deinen Hund nicht unterstützt. Er soll das Gespann ziehen und sich auf diesen wenigen Metern sein Ziel wirklich erarbeiten.
  • Wähle eine wirklich kurze Strecke, 20 – 50 Meter sind ideal. Dein Hund braucht einen sofortigen Erfolg.
  • Ein unterstützendes Ziel sollte nur sehr kurzfristig genutz werden.

Unter den Hunden gibt es auch Vertreter, die benötigen unter den ersten Zugübungen unbedingt eine rasante Fahrt. Du kennst deinen Hund am besten und wirst merken, wenn er rennen will. Dann löse die Bremse und lass ihn laufen. Hier kannst du nun auch eine Streckenlänge von 200 Metern wählen.

Dein Hund weiß nun, dass er ziehen darf. Der erste Schritt bzw. die ersten Zugübungen sind gemacht! Oft kommen nun die Hunde nach den ersten Übungen zum Besitzer, um sich ihre Bestätigung abzuholen, dass sie auch alles richtig erledigt haben. Hier solltest du unbedingt darauf eingehen.

Wichtig: Im Fachjargon nennt man das sekundäre Verstärker. Zeige deinem Hund, dass er alles richtig gemacht hat und du stolz auf seine Leistung bist. Schenke ihm Sicherheit und Anerkennung!

Nach und nach wird nun die Kondition aufgebaut, die Streckenlänge erweitert und erst dann die Geschwindigkeit gefördert. Kondition wird dadurch aufgebaut, dass du deinen Hund möglichst viel selbst ziehen lässt, dabei solltest du die Bremse leicht gezogen halten. Man nennt dies „Den Hund gegen die Bremse laufen lassen“. Erst nach dem Konditionsaufbau wird allmählich die Streckenlänge erweitert. Aber bitte nicht zu Anfang deinen Hund 4 oder 6 km laufen lassen, wie ich es schon oft gesehen und gehört habe. Allmählich heißt, sich Zeit dafür lassen. Es kommt anfangs nicht auf die Streckenlänge an, auch nicht auf die Geschwindigkeit, sondern darauf, dass dein Hund dauerhaft und zwar mit Begeisterung (!) in der Zugarbeit bleibt.

Nun gibt es auch noch andere  Vorgehensweisen für einen Trainingsaufbau. Man kann den Hund auch anfangs im Freilauf neben dem Bike herlaufen lassen, dem sog. Freebiken. Allerdings muss der Hund hier beim Besitzer bleiben können/wollen und sich nicht im Sprintfieber vom Besitzer entfernen, um auf  Beutezug zu gehen. Für jagdlich ambitionierte Hunde deshalb eher ungeeignet. Aus diesem und aus versicherungstechnischen Gründen verzichte ich in meinen Workshops auf diese Trainingsform. Alternativ dazu kann eine Gruppenfahrt mit Gleichgesinnten sehr unterstützend wirken.

Bei einigen Teams bietet sich der Trainingsaufbau mit dem Canicross-Gürtel an. Hier ist der Hundehalter näher am Hund dran. Die Zugleine kann in die Hand genommen werden und so der Hund einfacher in seine Aufgaben eingewiesen werden. Das gesamte Handling gestaltet sich leichter. Allerdings ist dieser Einstiegt nur für Hunde geeignet, die nicht zwingend schnell laufen wollen, da der Besitzer nicht in der Lage ist, so schnell zu laufen wie sein Hund. Mancher Hund braucht aber das Feeling des Sprints, um den Zugsport mit Begeisterung zu betreiben. Im Trab laufen reicht dann nicht aus, und aus Langeweile fangen solche Hunde schnell an zu schnüffeln oder beschäftigen sich mit anderen Dingen.

Egal welchen Trainingsaufbau du mit deinem Hund wählst und welchen Hundetyp zu hast:

  • Die Zugleine ist möglichst immer gespannt. Notfalls die Fahrt beenden und nach Ursachen suchen. Dein Hund könnte krank oder Verletzt sein, die Strecke war zu schwierig oder dein Hund langweilt sich. Bei letzterem solltest du neue und damit spannende Trails suchen, Hunde möchten Abwechslung.
  • Der Hund wird nie ausgepowert! Das gleicht nämlich einer Negativerfahrung. Wie bei jedem anderen Training auch, hört man dann auf, wenn es am schönsten ist. So bleibt dein Hund immer in voller Motivation.

Auch beim Laufen mit dem Canicross-Gürtel solltest du wie oben beschrieben vorgehen. Wähle die Strecke anfangs recht kurz. Dein Körper muss sich an die ungewohnte körperliche Belastung gewöhnen; die Knie, Fußknöchel und Becken werden sehr beansprucht. Auch die Zehenspitzen benötigen meist mehr Freiheit im Schuh. Wichtig: Bedenke auch, dass das Laufen am Canicross-Gürtel für deinen Hund sehr anstrengend ist, da du als Last einen dauerhaften Widerstand darstellst, dies ist für deinen Hund immer schwerer zu ziehen als ein Gefährt auf Rädern.

Trotz meiner genannten Tipps und Anregungen kann sich ein Trainingsaufbau als problematisch herausstellen. Deshalb sei hier noch zum Schluss erwähnt, dass viele hinderliche Gegebenheiten deinen Hund stark beeinträchtigen können, die ein erfolgreiches Training zunächst erschweren und u.U. nur mit einer fachkundigen Person behoben werden können. Da sind z.B. die Geräusche, die von der Bikeantenne ausgehen, Bremsgeräusche, die Akustik der Bereifung oder das Rucken an der Zugleine. Hier bitte auf Habituation (Gewöhnung) setzen. Ich hatte es auch schon, dass ein Team diesbezüglich vorerst mit dem Scooter spazieren gegangen ist, jedoch nach einem 14tägigen Training mit Sprintgeschwindigkeit über die Feldwege fahren konnte. Nichts scheint unmöglich. Ein „Mantrailer-Hund“ wird die Vorbereitungen u.U. mit bekannten Abläufen verbinden. Geschirr anziehen, lange Leine anlegen, der Startpunkt, Zug im Geschirr, dies alles ähnelt der Fährten- und Sucharbeit. Das kann deinen Hund anfangs in Konflikt bringen, da er beim Laufen seinen Geruchsträger vermisst. Andere Hunde wiederum sind sehr umweltunsicher, sie finden das ganze Tun etwas unheimlich, auch hier wieder auf Gewöhnung setzen. Hüte- und Treibhunde neigen dazu sich um die eigene Achse zu drehen. Andere Hunde kommen vor lauter Impulsivität gar nicht erst zum Vorlaufen. Aber auch du als Hundehalter benötigst vielleicht Unterstützung und Vertrauen in deinen Hund und vieles, vieles mehr kann einem reibungsfreien Ablauf im Wege stehen.

Jedes Team ist individuell und für ein erfolgreiches Training muss immer auf das typische Verhalten des Einzelnen geachtet und eingegangen werden. Anfängliche Schwierigkeiten sagen nach meiner Erfahrung auch nicht aus, dass ein Hund keine Lust am Laufen hat. Ich kenne viele Teams deren Einstiegstraining sich eher moderat gestaltet hat, inzwischen aber mit großer Begeisterung diesen Sport betreiben. Mit etwas Fachkenntnis, Geduld, Einfühlungsvermögen und Freude an der Sache werdet ihr euer Ziel erreichen.

In diesem Sinne wünsche ich euch  —good mush—